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Idee

Was wir über die Welt erfahren, welches Bild wir uns von anderen Ländern, Kulturen und Gegebenheiten machen, hängt heutzutage zu einem entscheidenden Teil von den Medien ab. Sie setzen die Schwerpunkte - was von ihnen ignoriert wird, bleibt auch uns meist unbekannt.

Wie sehr unser Weltbild von der Berichterstattung beeinflusst wird, ist uns meist nicht bewusst. Wann machen wir uns darüber Gedanken, welche politische Einstellung die Journalistin hat, deren Artikel wir gerade lesen? Wie oft denken wir daran, dass der Reporter, dessen Bild wir gerade betrachten, eine gezielte Auswahl darüber getroffen hat, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit wir sehen sollen?

Meist sind es VertreterInnen eines eurozentrischen Weltbildes, die uns Bericht erstatten und meist gehören sie den Ländern oder Kulturen, über die sie erzählen, gar nicht an.

Was würde passieren, wenn Menschen, denen es verwehrt ist, die Medienlandschaft aktiv mitzugestalten, plötzlich die Möglichkeit erhalten sich zum Ausdruck zu bringen? Wenn sie zu „BerichterstatterInnen ihrer eigenen Realität“ würden? Wie sehr würde sich das, was sie erzählen, von dem abheben, was wir jeden Tag aus Zeitung, Radio und Fernsehen erfahren? Welche thematischen Schwerpunkte würden sie setzen?

Auf Grund dieser Überlegungen und mit dem Anspruch, eine Alternative zu stereotyper Berichterstattung zu schaffen, entstand der Verein ipsum (2003).

„ipsum?“

Das lateinische Wort „ipsum“ bedeutet „selbst“. Ipsum will Menschen darin bestärken, sich selbst durch Bilder auszudrücken und diese Bilder einem möglichst großen Publikum nahe zu bringen.

Eine Auseinandersetzung mit diesen Bildern und deren Inhalten verschafft ungewohnte Einblicke und bietet Gelegenheit, das eigene Weltbild zu erweitern, festgefahrene Vorstellungen zu überdenken und Vorurteile aufzubrechen.
ipsum ist ein Verein, der internationale Dialog-, Bildungs-, Kultur- und Entwicklungsarbeit leistet.

Im Zentrum aller Initiativen stehen zwei Aspekte: Selbstausdruck und Austausch mit anderen – über kulturelle, politische, sprachliche, religiöse und geographische Grenzen hinaus.
Allen Projekten, die ipsum seit 2003 realisiert hat, liegt eine gemeinsame Annahme zugrunde:

Bewusster und fairer Umgang mit Bildern ermöglicht zum einen faires Handeln mit Bildern und zum anderen interkulturellen Dialog über Bilder.

3 Säulen

Bewusster Umgang mit Bildern/Fotografien:

ipsum stellt den Anspruch, sich der Fotografie, im Besonderen einem Teilbereich, der Alltagsfotografie, intensiv und bewusst zu widmen und sich auf verschiedenen Ebenen mit ihr auseinanderzusetzen.
Geschichten hinter den Bildern werden gesucht, die Absichten von FotografInnen beleuchtet und beim „Bilderlesen“ einbezogen.

Bewusster Umgang mit Fotografie wird bei ipsum auf zwei Ebenen angestrebt: Durch Menschen, die sich ihrem eigenen Alltag fotografisch nähern, sowie durch Menschen, die sich entschließen, die Fotografien der „Anderen“ anzusehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Indem Alltagsfotografien ausgetauscht, gelesen und diskutiert werden, entsteht Dialog. Dieser Prozess schafft Raum für Reflexion.

Dialog in Bildern:

ipsum möchte Dialog ohne Worte ermöglichen, um sprachliche, räumliche und zeitliche Distanzen zu überwinden. Die Fotografie dient dabei als Brückenglied. Über Bilder werden Geschichten ausgetauscht, diskutiert und kritisch beleuchtet. Dialog mit Bildern entsteht nicht nur innerhalb von Gruppen derselben Gesellschaft, sondern überwindet auch gesellschaftliche und geografische Barrieren.

Fairer Umgang mit Bildern und Fotografie:

In Politik-, Wirtschaft-, Kunst- und Kulturangelegenheiten stellt sich ein gemeinsames Problem: Wer repräsentiert wen, in welcher Weise und mit welcher Absicht?
Wenn wir uns im Bereich der Fotografie mit diesen Fragen auseinandersetzen, stoßen wir in einigen Aspekten auf ein Ungleichgewicht. Fotografie ist nicht allen Menschen in gleichem Maße zugänglich. Wenige entscheiden, was viele sehen. Der Umgang mit Fotografie ist oft verantwortungslos. Urheberrechte werden verletzt, Fotos zweckentfremdet und in einen falschen Kontext gesetzt.

Innerhalb der Initiativen von „ipsum“ wird dieses Ungleichgewicht thematisiert und kritisch beleuchtet. Dabei verfolgt ipsum das Ziel, alternative Wege zu beschreiten.
Folgende Möglichkeiten wurden bisher erschlossen:

  • Die FotografInnen bei ipsum sind vorrangig Menschen, die aus verschiedenen Gründen (finanziell, politisch, religiös, gesellschaftlich bedingt) keinen Zugang zu Repräsentationsmitteln haben. Es sind Menschen, die in Regionen leben, die immer wieder im Zentrum medialer Bildberichterstattung stehen.
  • Die Fotografie bzw. das Bild an sich steht im Zentrum, Bildunterschriften werden vermieden, es sei denn, sie wurden von den FotografInnen selbst formuliert.
  • Wer bzw. was fotografiert und somit als Ereignis gewürdigt wird, entscheiden die FotografInnen selbst. Es gibt keinerlei Vorgaben und Einschränkungen bezüglich der Bildinhalte und Themen. Ausnahmen bestehen nur dann, wenn sich eine/r der FotografInnen unwissentlich durch seine/ihre Themenwahl in Gefahr begeben könnte. In diesem Fall wird die Themenwahl vorab ausführlich diskutiert und Risiken werden abgeschätzt.
  • Die Bildrechte bleiben bei den UrheberInnen der Bilder. Mit Einverständnis der FotografInnen werden Bilder über die ipsum-Website und in ipsum-Ausstellungen veröffentlicht.

5 Ziele

ipsum ermutigt Menschen in Ländern des Nordens und des Südens, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Die Alltagsfotografie wird zum Medium in so genannten ipsum-Workshops, wo Menschen eingeladen und ermutigt werden, sich mit ihrem Umfeld fotografisch auseinanderzusetzen.

Im Rahmen von vier- bis achtwöchigen Workshops bietet ipsum Gelegenheit, die Fotografie mit einfachen technischen Mitteln kennen zu lernen, als Ausdrucksmittel zu nutzen und zu hinterfragen. Im Zentrum dieses Lernprozesses steht während der gesamten Workshopdauer ein selbst gewähltes Thema. Welche Geschichten erzählt werden und auf welche Weise sie zu Fotografien werden, entscheiden die FotografInnen.

ipsum spricht Menschen in verschiedenen Ländern und Lebensumständen an. Bisher waren es vor allem Menschen aus Krisenregionen (Angola, Pakistan und Afghanistan), deren Land (beständig) in Medien weltweit präsent ist.
Allerdings sind ipsum-Projekte genauso „reichen“ Ländern (z.B. Österreich) sinnvoll und notwendig. Der Bedarf, die eigene Geschichte zu erzählen, ist universal.

„Länder des Südens und des Nordens“ bezeichnet bei ipsum all jene Länder, in denen die Fotografie im Alltag verwendet und als globales Kommunikationsmittel nutzbar gemacht werden kann.

ipsum gibt Einblick in verschiedene Lebenswelten und Alltagsformen.

„Alltag“ gibt es überall, selbst wenn tragische Umstände das Leben beeinträchtigen und verändern. Fotografien können von der Vielfalt verschiedener Alltagsformen und Lebenswelten erzählen.
Wer beschäftigt ist mit seinem Alltag findet oft nicht die Gelegenheit, über das eigene hinauszuschauen. Fragen wie „Wozu auch?“ und „Haben wir nicht alle mit uns selbst genug zu tun?“ liegen nahe.
Für ipsum besteht in der Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Lebenswelten die Herausforderung zu lernen, sich anderer Betrachtungsmöglichkeiten gewahr zu werden und dadurch die eigene Situation zu reflektieren.

ipsum erweitert Perspektiven innerhalb der globalen Bildberichterstattung.

Eine Erweiterung von Perspektiven wird möglich, sobald jene Menschen zu BildproduzentInnen werden, denen bislang nur die Rolle als Motive/Sujets zukam. AkteurInnen, denen bisher aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen Gründen der Zugang zur Bildproduktion verwehrt wurde, bereichern unsere Bilderwelt.

Die Alltagsfotografie und deren Zugänglichkeit in der Öffentlichkeit in „reichen“ Ländern mögen zur Genüge erschlossen sein. Die Perspektiven und Geschichten von Menschen in „armen“ Ländern konnten sich in der Öffentlichkeit (auf globaler Ebene) noch nicht etablieren.

ipsum diskutiert bewussten und fairen Umgang mit Bildern.

Die Fragen, wie sehr und in welcher Weise wir den Medien ausgeliefert sind, wie mit Fotografie umgegangen und zu welchem Zweck sie eingesetzt wird, stehen im Zentrum von ipsum. Warum sprechen wir bei Bananen von fairem Handel, bei Bildern jedoch nicht? Diese Fragen werden bei ipsum auf verschiedenen Ebenen beleuchtet:

  • in Workshopgruppen zwischen den FotografInnen
  • zwischen FotografInnen und lokalem und internationalem Publikum bei Ausstellungen
  • zwischen den AusstellungsbesucherInnen bei lokalen und internationalen Ausstellungen
  • im Rahmen von Seminaren
  • im Internet (www.ipsum.at )

ipsum strebt fairen Handel mit Bildern an.

Ein essentieller Teil aller Projekte ist es, mit allen TeilnehmerInnen/FotografInnen ausführlich über Copyright zu sprechen und sie über ihre Besitz- und Reproduktionsrechte bezüglich ihrer Fotos aufzuklären.

Mit Einverständnis der einzelnen FotografInnen werden Bilder für Präsentationen auf der ipsum-Website und bei ipsum-Ausstellungen in Europa freigegeben. Wenn die TeilnehmerInnen es wünschen, können sie ihre Bilder verkaufen und mit dem Erlös zukünftige ipsum-Projekte unterstützen.

Umsetzung

Bildentstehung – ipsum Workshop

Zu Beginn der ipsum-Workshops machen sich die TeilnehmerInnen mit der Fotografie auf praktischer Ebene vertraut. Technische Grundlagen werden erarbeitet mit dem Ziel, die Kamera als Ausdrucksmittel nutzbar zu machen. Die Workshops basieren auf dem Grundsatz, einfach und überall umsetzbar zu sein. Den TeilnehmerInnen soll möglichst große Freiheit und Selbstständigkeit eingeräumt werden. Sie wählen ihre Themenschwerpunkte selbst und schlagen ihren eigenen kreativen Weg ein.

Auf der Suche nach dem persönlichen Themenschwerpunkt nehmen die TeilnehmerInnen ihre Umwelt bewusster und genauer wahr: Vieles wird sichtbar, was bislang unbeachtet blieb. Alltägliches erscheint in einem neuen Licht. Nicht nur die eigene Arbeit spielt eine Rolle. In der Gruppe werden die Ergebnisse gemeinsam diskutiert und analysiert. TeilnehmerInnen wie Workshop-LeiterInnen sind in einen Prozess eingebunden, der die Wahrnehmung und das Bewusstsein schärft.
Am Ende der Workshops entscheiden die TeilnehmerInnen für sich, ob sie ihre Arbeiten präsentieren wollen. Zentraler Bestandteil jeden Workshops ist, die Bedeutung von „Copyright“ zu vermitteln, sowie das Recht der UrheberInnen, über ihre Werke selbst zu verfügen und diese zu schützen.

Durch eine öffentliche Präsentation im eigenen Umfeld erwerben die Workshop-TeilnehmerInnen nicht nur das Know-how zur Planung und Gestaltung einer Ausstellung, sondern haben auch die Möglichkeit, ihre Werke erstmals mit einem Publikum in Berührung zu bringen. So können sie beobachten, welche Reaktionen ihre Bilder hervorrufen und erhalten wichtige Impulse und Feedback für ihre weitere künstlerische Arbeit.

Bildpräsentation – Bildrezeption

Wer repräsentiert wen in welcher Weise und mit welcher Absicht?
Diejenigen, die Bilder präsentieren, haben oft weder Zugang zu den FotografInnen noch zu den RezipientInnen der Bilder. ipsum vermittelt bei der Präsentation von Bildern zwischen beiden – den Menschen, die ein Bild schaffen und jenen, die es später sehen und lesen.

Präsentationen werden nicht nur am Ort des jeweiligen Workshops abgehalten, sondern auch in Österreich. Sie geben dem Publikum umfassende Einblicke in eine Bildwelt, die durch die TeilnehmerInnen in einem fernen Land geschaffen wurden. Eine aktive Auseinandersetzung wird möglich bei Ausstellungen in Österreich, wo Bilder der einzelnen Workshops präsentiert werden, bei Seminaren für Jugendliche und Erwachsene, bei Plakataktionen und bei Interviewaktionen im öffentlichen Raum und im Internet.

Cacuaco 2003: João Fracisco Sidiquele (133)
Kabul 2006: Marzia Sakhida (828)
Soro 2005: Khadija G.  Mohd (1183)
Soro 2005: Mohammad Ayoub (1296)