Schusswechsel

Helena
21.05.2012 17:55
 

Seit diesem Semester nehme ich an einer Lehrveranstaltung mit dem Titel „Generative Bildarbeit“ am Institut der Internationalen Entwicklung an der Uni Wien teil.

 

Worauf ich mich dabei besonders freue ist die Kombination aus fotografischer Praxis und theoretischer Arbeit. Im Zentrum steht die Umsetzung der ipsum- Idee im universitären Umfeld sowie das Ausprobieren dieser Methode als Forschungsmittel.

 

Ich bin gespannt, wenn auch noch etwas unsicher, ob das tatsächlich möglich ist - doch genau um das herauszufinden, ist hier Raum. Sicher bin ich mir jedoch, dass ich einiges über mich, als Akteurin aus verschiedenen Perspektiven (Fotografin - Motiv - Beobachterin) lernen werde.

 

Wie es mir bei der Verbindung von fotografischer Praxis und Theorie ergeht, werde ich HIER in den kommenden Wochen berichten.

 

Warum schreiben?

Helena
2.06.2012 0:52
 

Mein erster Blogeintrag dreht sich ums Schreiben, den Akt des Schreibens an sich, was macht das mit uns - warum schreiben wir?

 

Das ist eine Frage und eine Theamtik die zum Medium des Blogs sehr gut passt und deshalb möchte ich meinen ersten Eintrag damit beginnen. Passend dazu habe ich mich mit dem Text „Das Leben schreiben“ von Wilhelm Schmid beschäftigt. Der Text ist philosophisch und etwas geschwollen formuliert, wirkt aber dadurch auch romantisch - wie eine Romanze mit sich selbst. Es ist ein guter Vergleich, da es auch hier immer um Beziehungen geht. In erster Linie ist es die Beziehung mit sich selbst (und der Transformation seiner/ihrer selbst), die sich jedoch weiterzieht hin zu Beziehungen mit dem Anderen und den Anderen.

 

Da auch andere Menschen Subjekte und so ein „Ich“ sind und sich bei ihnen derselbe Prozess, wenn auch aus anderen Perspektiven erneut vollzieht, geht die Veränderung hin bis in die Unendlichkeit… Interessant sind hier auch Rückbezüge und Dialoge z.B. zwischen der/dem Schreibenden mit den Lesenden. Dies erinnert mich sehr an das Medium der Fotografie als Instrument und als Prozess. Was beim Schreiben anders für mich ist, ist dieses klare und unvernebelte SCHWARZ auf WEISS!

Das ist natürlich reizvoll, braucht dennoch eine große Portion Mut. Natürlich lässt auch das schriftlich Verfasste einen Spielraum der Interpretation und wird auch von jedem „Ich“ anders verwertet (wie auch beim Foto). Für mich ist es jedoch eine größere Herausforderung, vielleicht aus dem Grund weil ich hier eigene Unsicherheiten oder auch nur zufällig entstandenes nicht durch visuelle Ästhetik verstecken kann…

 

Einleitend erwähnt Schmid „hyponemata“ - Notitzbücher der Antike. Er verweist auf Foucault, welcher den kulturellen Aspekt, nämlich die „Konstituierung einer permanenten Selbstbeziehung“ durch die „Lebensbücher“ in seine Arbeit aufnimmt Er beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Prozess des Schreibens selbst, der Selbstkonfrontation, -reflexion und -produktion durch das Medium Schrift und Text. Besonders gut gefällt mir in diesem Kontext die Metapher des Spiegels, welche Foucault in „des espaces autres“ (1967) verwendet. Ich selbst habe diese Metapher auch schon in einem Fotoprojekt mit dem Titel „Spiegelbilder -Reflections“ aufgegriffen, in dem es u.a. um die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Frauen und deren Körper geht.

Ein weiterer wichtiger Punkt für Foucault ist die Auseinandersetzung mit dem Anderen. Denn nur durch das Andere definiert sich auch das Selbst. Dieser Diskurs erinnert mich Kapuscinskis Buch „The Other“ welches ich gerade lese und sich genau mit diesem Thema, v.a. im Bezug auf Journalismus und Erfahrungen mit dem Selbst und Anderen im Ausland beschäftigt. 

 

Durch das Schreiben, erschaffe sich der Autor/ die Autorin ein Paralleluniversum der Phantasie und der totalen Freiheit, in dem er/sie die Macht hat das Leben zu ändern. Die Schrift sei ein „Ort des Übergangs, der Transformation“. Foucault meint, man müsse schreiben, denn die Schrift sei die „Schaffung einer Distanz zu sich selbst“ (Foucault zit. nach Schmid 1992: 312).

Für meinen Geschmack formuliert Foucault hier etwas zu absolutierend, zu radikal, denn es stellt sich die Frage, ob so Menschen die der Schrift nicht mächtig sind, nie dieses Stadium erreichen können?

Können AnalphabetInnen nie dieses Verhältnis zu sich selbst erreichen, oder gibt es alternative Wege/ Instrumente des Selbstausdrucks und der Transformation?

Zum Beispiel die Fotografie?

 

Die Schrift ist für Foucault nicht nur Objekt, sondern Subjekt „Ein Wesen mit eigenem Recht“ (Foucault zit. nach Schmid 1992: 312) welches Fragen formuliert aber auch Antworten gibt, Verknüpfungen herstellt,… Wie schon oben erwähnt, beschreibt Foucault, das Schreiben auch als Konfrontation mit dem Anderen.

Weiter geführt wird dies im Dialog durch das Geschriebene - als Beispiel nennt er den Brief: „Es handelt sich um das reziproke Spiel der Bildung seiner selbst in der Beziehung zum Anderen, eine Wendung zu sich, die in der Öffnung zum Anderen besteht" (Foucault zit. nach Schmid 1992: 314).

 

Einer der wichtigsten Punkte im Prozess des Schreibens, ist der Progress, die Transformation. Foucault meint, man würde schreiben um im Nachhinein ein Anderer zu sein als davor.

Ähnliches gilt für das Lesen. Man würde ja schließlich nur lesen um im Nachhinein mehr zu wissen als zuvor, so entsteht wieder die Veränderung und der/die/das Andere.

Neben dem Prozess des Schreibens geht es natürlich auch um das resultierende Ergebnis am Papier und dessen Einsatz. Dazu zitiert Schmid die elegant wie auch radikal formulierte und sowie motivierende Ansicht Foucaults zum Einsatz der entstandenen Schriften und Bücher. Er beschreibt die Möglichkeiten anhand der Metapher der Werkzeugkiste:

 

„Wenn die Leute sie aufmachen wollen und diesen oder jenen Satz, diese oder jene Idee oder Analyse als Schraubenzieher verwenden, um Machtsysteme kurzzuschließen, zu demolieren oder zu sprengen, einschließlich vielleicht derjenigen Machtsysteme, aus denen diese Bücher hervorgegangen sind – nun umso besser.“ 

(Foucault zit. nach Schmid 1992: 316)

 

 

 

 

 

Bezugstext:

Schmid, Wilhelm (1992): Das Leben schreiben. In: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach der Neubegründung der Ethik bei Michel Foucault. 2. Aufl.., Frankfurt/M: Suhrkamp. 308-316

 

Buchtipp:

Kapuściński, Ryszard (2008): The Other. London/ New York: Verso. 

 

Impulse durch Bilder

Helena
17.06.2012 17:38
 

Heute brachte jede_r Teilnehmer_in ein "Lieblingsbild" zum Austausch mit. Diese sollen Impulse für unsere weitere fotografische Arbeit geben und werden uns somit das ganze Semester lang begleiten.

Das Foto das ich mitgenommen habe, ist eines dieser Bilder, die ich einerseits kaum mehr sehen kann und ich andererseits noch sehr in mir habe.

 

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Ich habe dieses Bild im September 2010 in Bilin, im Palästinensisch - Israelischen Grenzgebiet aufgenommen, auf einer der wöchentlichen Demos gegen die Seperation-Wall. Der Moment bzw. das Erlebnis dort zu sein war für mich sehr  befremdlich.

Es gab drei Fronten, die DemonstrantInnen, die SoldatInnen und uns Fotografinnen und Fotografen. Von der einen Seite flogen die Steine über uns, von der anderen Seiten Rauchgasgranaten und Gummigeschoße. Trotz dieses kriegsähnlichen Zustands hatte ich eher das Gefühl in einer wöchentlichen „Intifada-Safari- Show“ zu sein oder einem „Kriegsfotografie für AnfängerInnen“ Kurs… naja aber natürlich auch nicht unspannend.

Die beiden israelischen Soldaten wirken als befänden sie sich auf  Safari um Raritäten zu schießen, auf Trophäenjagd. Die Haltung des Mannes mit der Kamera erinnert daran als würde er eine Panzerfaust auf der Schulter tragen und seine konzentrierte Miene deutet darauf hin, dass er auf den richtigen Moment wartet um abzudrücken. Der andere scheint gerade etwas Lustiges entdeckt zu haben, was er seinem Kollegen auch gleich zeigen möchte.

Meine Gedanken zum Bild springen hin und her zwischen Militarismus und Tourismus, oder gar Terrorismus? Das Bild beinhaltet vieles, womit ich mich gerne und oft beschäftige, wobei ich wohl öfters in Gedanken in Sackgassen laufe als Ergebnisse zu erzielen. Doch vielleicht wird sich das im Laufe des Semesters ja ändern.

Stichworte die mir durch den Kopf schwirren:  die Rolle der Fotografie/ von Bildern, Information,... Verwendung und Instrumentalisierung dieser Medien... Auseinandersetzung mit Ethik in der Kriegs- u. Krisenfotografie…. Überwachung…. Macht… Schusswechsel.

Diesem Bild muss sich nun jedoch jemand anderes widmen, denn das Foto das im Zufallsprinzip zu mir gefunden hat, wird die Basis für meine zukünftige Fotoarbeit sein:

 

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Es ist ein Bild, welches für meine fotografische Praxis eher untypisch ist und mich deshalb auf ersten Blick auch etwas irritiert hat. Bei mir stehen meist Personen im Vordergrund und so fragte ich mich etwas verzweifelt: Was mach ich ohne Menschen? Ist vielleicht gerade das der interessante Impuls daran – soll ich mich in neues Terrain trauen?

Es ist jedenfalls spannend welche Bilder zu wem finden… Gott sei Dank ist es nicht nur eine langweilige Naturaufnahme ganz ohne menschliche Spuren dachte ich mir. Im Gegenteil, bei näherer Betrachtung merkte ich wieviel sich in diesem Bild eigentlich verbirgt. 
Wege weisen immer eine starke Symbolik auf, diese kreuzen sich sogar und einer verhält sich ganz anders als die anderen. An seinem Ende ist ein kleines von Büschen umringtes Häuschen zu sehen. Etwas weiter weg und doch gegenüber befindet sich ein mächtiger Komplex, ein Schloss oder ein Palais, welches an einer asphaltierten Straße steht und einen Kontrast zum Feld und dem Gebäude im Zentrum bildet.

Nun stellt sich die Frage welche Impulse ich mir herauspicke um fotografisch damit weiter zu arbeiten.

Was kann man darin lesen? Eine Gegenüberstellung von Machtverhältnissen, Lebenswelten, welche Wege führen wo hin und was steht für mich im Zentrum?

Es ist einerseits die Perspektive von oben/außen die das Gefühl vermittelt Beobachterin zu sein. Neue Perspektiven  können Wege eröffnen, die man zuvor vielleicht nicht wahrnehmen konnte. Viele Dinge benötigen Abstand um das Ganze zu erkennen. Andererseits ist es auch eine Perspektive welche an den Blick durch eine Überwachungskamera erinnert - beobachten und beobachtet werden.

Auf diesem Bild sind die Straßen leer, da gibt es gar nichts zu beobachten. Welche Rolle spielen Straßen in Österreich, sie sind kein öffentlicher, gemeinsamer Lebensraum, sondern vielmehr nur ein Mittel zum Zweck, um von einem Ort zum anderen zu gelangen.  Kreuzungen, eine weitere starke Symbolik im Bild - wann kreuzen sich welche Wege, wann nicht und warum…?

Die ungewöhnliche Perspektive und das für mich ungewohnte fotografische Genre regen mich an mich auf ungewohntes Terrain zu trauen -  mal sehen was sich in Zukunft daraus entwickeln wird.

 

 

Was macht ein Bild interessant?

Helena
24.06.2012 15:02
 

Roland Barthes – Die helle Kammer
Bemerkungen zur Photographie

 

Heute hatte ich ein Fotoshooting, bei dem ich für ein Kunstprojekt eine Fotografin porträtierte.  Als ich ihr Studio betrat, stach mir sofort ein Detail ins Auge: ein gerahmtes Bild mit aufgespießten Schmetterlingen. Dies musste ich auch sogleich ablichten. Jetzt frage ich mich ob ich laut Roland Barthes die Schmetterlinge durch das durchdrücken des Auslösers ein zweites mal aufgespießt habe?

 

 

Ich musste sofort an „Die helle Kammer“ denken, wo Barthes davon schreibt, dass Menschen auf Fotografien, im Gegensatz zum Film, unbeweglich und unfähig außerhalb des Rahmens zu treten „betäubt und aufgespießt wie Schmetterlinge“ (Barthes, Roland 1980: 66) wären.

Sein Werk „Die helle Kammer“ gilt als Klassiker der Fototheorie, welcher er sich jedoch auf sehr persönliche und intime Weise nähert. Im ersten Teil widmet er sich der Phänomenologie und den großen theoretischen Fragen die der Fotografie innewohnen, im zweiten verarbeitet er innerhalb seines fototheoretischen Diskurs den Tod seiner Mutter. Ich werde mich hier nur dem ersten Teil widmen.

 

Er versucht die Fotografie als „ein Ganzes“ zu fassen und wissenschaftlich zu analysieren.
Schnell stellt er jedoch fest, dass er mit den bereits vorhandenen Einteilungen der Disziplin wenig anfangen kann und beschließt deshalb eine neue unübliche Art der wissenschaftlichen Forschungsmethodik anzuwenden.
Er selbst und einige wenige von ihm ausgewählte Bilder, die wie er es nennt "für ihn existieren", stellen die Grundlage. Barthes nennt es einen Versuch „[…] auf Basis von ein paar persönlichen Gefühlen die Grundzüge, das Universale, ohne das es keine PHOTOGRAPHIE gäbe, zu formulieren.“ (ebd.: 17)

 

Ich denke, dass dieser Zugang zur Wissenschaftlichkeit für uns im Forschungsseminar, so wie in jeglichem Bereich der universitären Forschung interessant sein kann. So finde ich es sehr progressiv, festgefahrene Strukturen/ Methoden wie die der Wissenschaft zu hinterfragen und einen Versuch zu wagen, das Konventionelle zu adaptieren oder gar zu durchbrechen.

 

Barthes Ziel ist es unter anderem zu untersuchen was das „eigentümliche Wesen“ der Fotografie ist und ob es dieses überhaupt gibt. Er definiert drei AkteurInnen welche das Medium tragen - der „operator“ (der/die Fotograf_in), der „spectator“ (der/die Betrachter_in) und das „spectrum“ (das Motiv).

Er selbst sieht sich vor allem in der Rolle des spectators, geht in seinem Text jedoch auf das Verhältnis zwischen den drei Positionen zueinander ein. Was macht ein Bild interessant? Die Suche nach dem was ein Bild für Barthes besonders und attraktiv macht, sollte sein Leitfaden werden.

 

Das reine Interesse an einem Bild oder dem ihm innewohnenden Referenten, sei ihm zu wenig, bald fällt der Begriff des Abenteuers. Dieses erlaube es ihm die „PHOTOGRAPHIE existent zu machen“ (ebd.: 28) Die wenigen Bilder welche ihn packen, beseelen ihn, meint Barthes und das obwohl Fotos selbst völlig unbeseelt sind, doch „[…] gerade darin besteht jegliches Abenteuer.“ (ebd. 29)

 

Koen Wessing: Nicaragua 1979

 

Während der Reflexion über Bilder von Koen Wessing, entdeckt Barthes ein entscheidendes Merkmal, welches den Fotografien Anziehungskraft verleiht. Er vermutet eine gewisse strukturelle Regel und bezieht sich hierbei auf Dualitäten, wie in diesem Fall auf Wessings Bild, aufgenommen in Nicaragua. Er vermutet, dass es die Kontraste und die Spannung zwischen den Soldaten und Nonnen sind die dem Bild den Reiz verleihen.

Lange nicht alle Bilder der Serie packen ihn und somit fühlt er sich in der Regel bestätigt, dass nicht das Thema, wie interessant es auch sein möge, die Faszination ausmachen, sondern ein anderes Element das den Betrachter, die Betrachterin wie mit einem Pfeil durchbohrt.

Schon bald bemerkt er, dass auch die Theorie der Struktur und Anordnung, sowie das bewusste setzen von Dualitäten und Kontrasten nicht die einzige Determinante für die Attraktivität der Bilder sein kann.

 

studium vs. punctum

 

Robert Mapplethorpe: Phil Glass und Bob Wilson

 

Im weiteren Diskurs über den Grund bzw. die Gründe, warum Fotografien für ihn unterschiedliche Emotionen, wie Interesse, Gleichgültigkeit, Wut, Spannung, Begehren, etc. hervorrufen können, definiert er zwei Elemente die Bildern innewohnen (können) - studium und punctum.

Im Begriff studium schließt Barthes jene Fotografien ein, die Interesse wecken und durchaus, ästhetisch, informativ und ansprechend sein können. Doch zählt er Bilder die diese Gemütszustände hervorrufen eher zu „to like“ und nicht zu „to love“ Es fehlt für ihn das Entscheidende, das was ihn trifft, durchbohrt und nicht mehr loslässt.

 

Auf der Suche nach dem passenden Begriff eben jenes Merkmals/ Details, das manche Bilder aufweisen und andere nicht, entschied sich Barthes für das jetzt schon sooft genannte „punctum“, was für „Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und: Wurf der Würfel“ (ebd.: 36) steht.

Es ist jenes Detail, welches verwundet, irritiert, erinnert… Das punctum kann vieles sein und ist für ihn nicht immer verortbar. Wenn er ein Bild betrachtet spürt er seine Anwesenheit, kann es jedoch, wie zum Beispiel bei der obigen Fotografie von Mapplethorpe, nicht immer erfassen.

Klarer ist es für ihn bei diesem Bild von William Klein, aufgenommen 1954 im italienischen Viertel in New York. „Was ich sehe, ohne den Blick abwenden zu können, sind die schlechten Zähne des kleinen Jungen...“ (ebd.: 56)

 

William Klein: New York 1954, Das italienische Viertel

 

Es stellt sich die Frage inwiefern seine Interpretation des punctums auch die der anderen sind. Lassen sich seine persönlichen Eindrücke universalisieren - oder ist das überhaupt von Bedeutung?

Reagieren wir alle gleich auf einen Impuls, welche Rolle spielen unsere persönliche Geschichte, Sozialisation, Kultur…

 

Wie auch immer, durch das Lesen des Textes wurde auch ich, beim fotografieren sowie beim betrachten der Ergebnisse immer sensibler, ja ich fühlte mich wahrlich trainiert nach dem Element zu suchen, welches Barthes punctum nennt. Ist das Ergebnis interessant, welches Bild gefällt mir welches nicht, warum!?

 

Wenn ich auch nicht immer Barthes Meinung bin und ich seinen Schlussfolgerungen nicht immer folgen kann, glaube ich, dass „die helle Kammer“ definitiv ein „must read“ für jede und jeden ist, der/die sich stärker mit der PHOTOGRAPHIE auseinander setzen möchte.

 

Es ist kein Lehrbuch, sondern vielmehr ein Pool voll Denkanregungen und eine interessante Lektüre um auch in der Diskussion um Bilder die verschieden Perspektiven zu beobachten – das sagt Barthes, was meine ich dazu und was denkst du?

 

Das hier bearbeitete ist nur ein kurzer Abriss aus Roland Barthes Diskurs über die Fotografie und die weitere Reflexion könnt noch zahllose Seiten füllen – deshalb der Aufruf zum selber lesen!

 

 

Basisliteratur: Barthes, Roland (1980): Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt/M: Suhrkamp 1989. 1. Teil, S. 11-70.

Sehen und gesehen werden

Helena
8.07.2012 16:32
 

Nachdem ich mich vom Impulsbild und Roland Barthes „Die helle Kammer“ inspirieren hab lassen, sind mir nun auch Ideen für den 1. Bilddialog gekommen. Angeregt durch die ungewöhnliche Perspektive im Impulsbild, welche mich an den Blick eines/ einer Beobachter_in erinnert, habe ich beschlossen, alle Bilder ausschließlich aus meinem Zimmerfenster aus zu fotografieren.

 

 

Menschen welche ich von hier aus sehe und und von denen aber auch ich gesehen und beobachtet werden kann. Nachbar_innen in der Stadt, das hat mich an die Wege am Bild erinnert - Wege die sich kreuzen oder eben nicht. Es sind Menschen die mich in meinem Alltag umgeben ohne dass wir uns kennen. Ich finde es spannend wenn ich Hausfassaden ansehe und weiß, dass sich auf so engem Raum, so viele verschiedene Lebenswelten und Realitäten verbergen.

 

Und Fenster, was sind Fenster in dieser Vorstellung, Schnittstellen zwischen privatem und öffentlichem Raum. Darf man das sehen was man da sieht, ist man Voyeur wenn man Blicke durch fremde Fenster wirft? Darf ich ein Tabu brechen und meine Nachbarn beim Putzen und in die Ferne schauen fotografieren? Und wer hat das Recht das zu entscheiden? Ich habs getan, wenn auch immer gut versteckt, denn erwischen wollte ich mich dabei nicht lassen. Wie würde ich reagieren wenn ich jemanden dabei erwischen würde? Inwiefern verstärkt sich das unsichere Gefühl, wenn man nicht nur beobachtet sondern auch dokumentiert?

 

 

Wenn ich mir darüber Gedanken mache ist der Sprung nicht weit hin zu der Frage wie/was/wo in der Fotografie vertretbar ist und was nicht.

In dem Moment in welchem man beschließt Menschen zu fotografieren begibt man sich auf vermintes Gebiet. Wie unverschämt darf/ muss man als Fotograf_in sein? – wie viel ist ein Bild wert? – ist das im Urlaub ok, zuhause aber nicht? Doch diese Fragen gehen hier zu weit, sind aber sicher Themen die sowohl FotografInnen sowie Fotografierte ständig wieder begegnen werden, was auch gut und wichtig ist.

 

Als Präsentationsform für den ersten Bilddialog habe ich einen einfachen Karton gewählt. Anfangs ist er verschlossen, wie die undurchsichtige Fassade eines Hauses. Hinter jedem Fenster, jeder Türe verbergen sich unterschiedliche Welten und Lebensrealitäten.

 

 

Die an mich adressierte Box fest verschlossen und erst durch das Messer kann das Verborgene, das Private sichtbar gemacht werden - das Fenster kann geöffnet werden.

Wenn man den Karton  nun aufmacht, kommen fünf verschiedene Fotos zum Vorschein.

Wie durch (m)ein Fenster sieht man mein Alltagsumfeld aus verschiedenen Perspektiven.

 

Durch eine Schnur ist der Karton fixiert, lockert man diese öffnet sich der Karton vollständig und somit ändert sich auch die Perspektive auf die Bilder. Ich frage mich wie sich die Gefühle der/des Bertrachter_in ändern, je nachdem wie sich die Präsentation der Bilder ändert.

 

 

Ich freue mich schon sehr auf den ersten Bilddialog. Ich bin gespannt was die anderen aus ihren Impulsbildern gemacht haben, ob mein Objekt verstanden wird und welches Feedback auf mich wartet. Davon werde ich euch nächste Woche berichten.